Die Via Aurelia – auf den Spuren einer alten Freundin

30
09
2010

Am Ende ist sie wie eine Freundin vertraut, die Aurelia, deren Name wie der einer geheimnisvollen Schönheit klingt. Zwischen den beiden ligurischen Hafenstädten La Spezia und Genua verläuft eine der schönsten Teilstrecken der alten Römerstrasse. Auf gerade 113 Kilometer durchquert sie Ligurien, und doch geht ihr Weg hier durch Welten, wie sie nicht verschiedener sein könnten. So sehr ist die Landschaft links und rechts des Wegs vom Kontrast zwischen mediterranen Farben und dem intensiven Grün des Hinterlands bestimmt, dass Liguriens Wesen in früherer Zeit mit dem doppeldeutigen Wesen einer Sirene verglichen wurde.
Auf ihrem Weg von der Levante - zur Ponente-Küste folgt die Aurelia heute noch den Spuren, die vor über 2000 Jahren in den Stein hinengehauen worden waren. Im Jahr 241 n. Chr. hatte der römische Zensor Aurelius Cotta mit ihrem Bau zur Unterwerfung der Etrusker und für den Krieg gegen die aufwieglerischen ligurischen Stämme begonnen. Die Ligurer sind nicht römischen, sondern keltischen Ursprungs, auch wenn ihre Herkunft nicht wirklich geklärt ist.
Aus strategischen Gründen war die Aurelia in sicherer Entfernung vom Meer angelegt worden und stieg nur da, wo es bereits bewohnte Siedlungen gab, zur Küste hinab. Als Staatsstrasse Nummer 1 ist die Aurelia heute auf Landkarten verzeichnet, auch wenn an der Strasse selbst noch das alte Namensschild „Via Aurelia“ zu finden ist. An Pinien, Steineichen und Kastanien vorbei folgt man dem Lauf der Aurelia in Gedanken an Meer, das noch verborgen hinter den Hügeln liegt. Manchmal ist es so nah, dass man es aus der Ferne seinen Geruch wahrnimmt.
Mit seinen 335 Kilometern hat Ligurien die längste Küste Italiens und besteht doch zu 85 Prozent aus Bergregion. Während die Küste vor lautem Leben pulsiert, ist in den Dörfern des Hinterlands die Zeit stehengeblieben.
Auf der Suche nach Abeit fuhren die Bewohner des Hinterlands hinunter zum Meer. Und wer einmal die Küste hinuntergefahren war, fand selten den Weg zuück. 85 Prozent der Ligurer leben an der Küste, deren Bevölkerung sich im Sommer noch verdreifacht. Im Landesinnern kommt gerade ein Einwohner auf acht Kilometer. Es ist noch nicht so lange her, dass die Frauen der Dörfer ihre Weidenkörbe mit Gemüse, Milch und Kartoffeln hinunter zum Meer trugen. Der mehrstündige Fußmarsch gehört noch zu den Erinnerungen ihrer Jugend.
In allen Dörfern des Hinterlands herrscht der gleiche Geruch nach verbranntem Holz. Überall gibt es noch die charakteristischen überdachten Durchgänge, die wie schützende Gewölbe zwischen den Dörfern hindurchführen. Früher wurden sie gegen Erdbeben und unwillkommene Besucher gebaut, heute stützen sie die Häuser vor dem Verfall.
Erst in den letzten Jahren wurden die halbverlassenen Dörfer auf der Suche nach dem ursprünglichen Leben wiederentdeckt.
Erst wenn die Via Aurelia am 800 Meter hohen Bracco-Pass ihren höchsten Punkt erreicht hat, steigt sie langsam zur Küste hinab. Nun kommt sie in eine ganz andere Welt: Parallel zur Bahnlinie verläuft ihr Weg bis Genua am Meer entlang, vorbei an Stränden, Hotels, Villen und Palästen. Manchmal nimmt die alte Via Aurelia auch andere Namen an, wenn sie durch Sestri Levante, Lavagna und Chiavari führt, die sich in ihrem bunten Leben so ähnlich sind, das man kaum merkt, wo die eine anfängt und die andere beginnt. Hier beginnt der Teil Liguriens, der seit den Anfängen des Tourismus mt Riviera bezeichnet wird. Hier sind die Hügel nicht mehr mit Steineichen oder Olivenbäumen bedeckt, sondern mit üppigen Gärten und Palmen. Vor allem Rapallo und Santa Margherita wurden durch seine geschützte Lage im Golf bereits im 19. Jahrhundert bevorzugter Aufenthaltsort illustrer Gäste. Zwar konnten nach dem Bau der Eisenbahn auch Öl und Wein schneller transportiert werden, aber darum ging es bald nicht mehr. Vor allem im milden Winter zog nun, wer es sich leisten konnte, aus Norditalien oder Nordeuropa hierher, mit den Folgen eines ausufernden Zweitwohnungsbaus, der das Gesicht vieler Orte verändert hat.
Zu jedem Ort an der Küste gehören kleine Heiligtümer am Meer, die von den Veränderungen der Zeit völlig unberührt geblieben sind. Von oben besheen, wirken das Meer und die Ladschaft fast unwirklich schön. Und längst ist die Aurelia zur lieben Freundin geworden, die in Ligurien durch eine Welt voller Kontraste führt.

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