Maurizio Maggiani, der Erzähler Genuas

15
10
2010

Maurizio Maggiani, der Erzähler Genuas

Beitrag von Dorette Deutsch

„Meine Kunst zu erzählen hat ihren Ursprung in der Küche meiner Urgroßmutter Veronica.
Ich stamme aus einer bäuerlichen Großfamilie, wie es sie zu Beginn der fünfziger Jahre noch gab. Und wie überall auf der Welt, wo Land bearbeitet wird, hat man im Sommer zwölf Stunden am Tag auf den Feldern gearbeitet, bis zur Grenze der Erschöpfung. Aber wenn es Abend wurde, haben sich alle um den großen Küchentisch versammelt. Ich erinnere mich, dass er so groß war, daß man zwei Tischdecken brauchte.
Ich erinnere mich an die Küche, an die Wärme. Aber es war nicht nur die Wärme des Kaminfeuers, sondern die Geborgenheit, die es vermittelt. Aber um diese Geborgenheit zu schaffen, bedarf es zweier Dinge: des Hauses und der Menschen, die in dem Haus leben. Und dieses Geistes, der aus ganz materiellen Dingen besteht – aus Steinen, Feuer, Holz und Tisch, und aus den Bewohnern, also dem Geist.
Dieses Zusammensein nach einem Tag voller Mühsal, weil das Schicksal der Landarbeiter, der kein eigenes Land besitzen, aus Mühe besteht; nach dem Abendessen gingen die Leute also nicht schlafen. Wie nach einem geheimen Ritual, dessen Gesetz ich vielleicht einfach nicht kenne, begann immer jemand mit den gleichen Worten „Wißt ihr, was heute passiert ist?“
Und begann so, etwas zu erzählen. Aber das war nicht die Chronik dessen, was wirklich passiert ist, weil dort nie etwas wirklich wichtiges geschah, sondern die Konstruktion einer Erzählung./die Erzählung einer Geschichte/es wurde eine Geschichte erzählt. Und die begann mit einem banalen Ereignis und wurde zu einer großer Epopea. Denn nichts auf der Welt gibt uns mehr Geborgenheit als das Wissen, dass wir keine Tiere sind, sondern Teil eines größeren Ganzen, das Teil unseres Lebens ist.
Und der Ausgangspunkt konnte entweder dieses große Unglück sein, als der Kanal über die Ufer getreten war, oder genauso das Ende von Fernandas Huhn, dem sie den Kopf abgeschlagen hatte und feststellte, dass es kein Gehirn hatte. Es war immer wie ein Wunder, und es konnte irgendein Ereignis sein, das in der erzählten Geschichte großartig wurde. Und damit wurde man selbst groß.“

Von Maurizio Maggiani ist zuletzt (bis jetzt nur auf italienisch) erschienen: Mi sono perso a Genova. Verlag Feltrinelli.

Mehr über Maggiani erfährt man auf seiner Website, von wo auch die Fotos stammen.

Informationen über ihn auf Deutsch man hier auf Wikipedia

Neuen Kommentar verfassen