Vernazza, im Juli 2012

08
08
2012

Vernazza, im Juli 2012

Beitrag von admin

 

Nach dem Unwetter - ein neues Leben?

 

Die Bilder und Eindrücke nach der Katastrophe sind vielfältig und äußerst widersprüchlich, vor allem, was den Kontrast zwischen Hinterland und Küste anbetrifft.

Auf dem Weg zwischen Borghetto und Cassana sind die Schäden überall noch zu erkennen, überall liegen ausgewurzelte Bäume am Flußufer. Die Beseitigung der Schäden und die neuen Leitungen für Gas und Wasser werden 6 Millionen Euro kosten, erklärt Dezernent Canali. Borghetto selbst hat nur 1000 Einwohner, die einzelnen Frazioni im Hinterland oft nur ein paar Dutzend.

In Cassana sind drei Menschen ums Leben gekommen, unter den Trümmern von drei einstürzenden Häusern begraben.

Die Trümmer versperren bis heute den Weg in einen Ortsteil, obwohl die Arbeiten am Laufen sind. Ein paar Familien sind noch evakuiert und warten darauf, in ihre Häuser zurückzukehren. Zur Zeit wird noch versucht, die Hügelkuppe hinter dem Ortsteil Valle zu befestigen, von dem der Erdrutsch ausging. Der Anblick ist beängstigend.

In Pignone ist die mittelalterliche Brücke, Symbol des Ortes, weggerissen worden, die alte Weihnachtsbeleuchtung blieb bestehen. Ebenso sitzt der Schrecken bei den Menschen noch tief, die Gärten und der Gemüseanbau waren wichtiger Teil des Lebensunterhalts. Die Einwohner von Pignone konnten sich in die oberen Stockwerke der Häuser flüchten. Ohne fremde Hilfe haben sie selbst am folgenden Tag die Straßen und Gassen von Schlamm befreit.

In Monterosso zeigt sich bereits ein anderes Bild: Die Touristen – viele aus USA und Australien, wenige Europäer – flanieren am Meer entlang, alle Lokale haben wieder geöffnet, die Preise sind hoch.

Trotzdem ist die völlig zerstörte Schule nicht wiederaufgebaut, weil das Geld für den Wiederaufbau nicht reicht, die Kinder müssen in Sestri oder La Spezia in die Schule gehen. Viele Familien sind aus dem Grund umgezogen.

Bürgermeister Angelo Betta hat ein Projekt ins Leben gerufen, um zerstörte Trockenmauern wiederaufzubauern. Die Homepage www.buongiornomonterosso.com berichtet darüber. Ein ähnliches Projekt war bereits vom Nationalpark ins Leben gerufen, allerdings nicht zu Ende geführt worden.

Falls das Projekt erfolgversprechend ist, würden wir es gerne unterstützen.

Am Bahnhof von Vernazza hängen Fotos vom Dorf am Tag des Unwetters. Heute sind die schlimmsten Schäden beseitigt, der Schlamm ist geräumt, die meisten Läden wiederhergerichtet. „Vernazza sarà più bella di prima“ sagte ein alter Mann bei der Begrüßung. Während vor der Katastrophe viele Läden in ehemaligen Cantine untergebracht waren, mit deren Enge man sich arrangiert hatte, sind die Läden jetzt neu und aufwendig gestylt. Alles ist schöner, neuer und noch mehr auf den Tourismus ausgerichtet. Die Mieten scheinen nach dem Unwetter teilweise in die Höhe gegangen zu sein: 3500 Euro für einen Laden, erzählt eine Frau. Wenig ist geblieben wie es war.

Wer vom Zug aussteigt und zum Meer hinuntergeht, merkt nur am Geruch von frischem Zement, dass sich etwas verändert hat.

Erst hinter dem Bahnhof befinden sich die Zeichen der Zerstörung. Ganze Häuser und das gesamte Flussbett mit angrenzenden Gärten wurden weggeschwemmt. Auch der Weinberg des Winzers „Cheo“, der, als einziger in Vernazza, Weiß - und sogar Rotwein als eigene, qualitativ hochwertige Marke vertreibt, wurde durch einen Erdrutsch zum großen Teil weggespült. Bislang gab es keinerlei Hilfe für ihn, obwohl die Absicherung des Hangs für Vernazza wichtig wäre. Auch der Trenino, für den Abtransport der Reben unerlässlich, wurde bislang nicht wieder hergerichtet.

Wie es aussieht, wird es wohl kaum mehr jemanden in der jungen Generation geben, der die harte Arbeit der Vergangenheit fortführt. Niemandem scheint der Zusammenhang zwischen Tourismus und Erhalt der Landschaft, wegen der die Besucher ja kommen, überhaupt klar zu sein.

„Der neue Reichtum ist den Leuten in den Kopf gestiegen,“ sagt eine Mailänderin, die schon als Kind hier war. „Aber das muss man verstehen, in den Fünfzigerjahren herrschte hier noch die bitterste Armut. Und es gab keine kulturelle Entwicklung, die mit dem Reichtum Schritt gehalten hätte“ – ein sehr italienisches Phänomen.

„Irgendwann werden diejenigen, die Vernazza wiederaufgebaut haben, kommen und sagen, das Dorf gehört jetzt uns,“ sagte ein Frau, die hier geboren und schon lange weggezogen ist.

 

Vernazza, 24.6.2012

Dorette Deutsch

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen