Zwei Welten

01
09
2010

Zwei Welten

Beitrag von Dorette Deutsch

Vor meinem Haus hält ein silbernes Auto der oberen Mittelklasse.
Wollen Sie zu mir? - Nein, wir wollten hier nur parken. - Eigentlich stehen Sie in meinem Garten. Wie lange bleiben Sie denn? - Wir möchten zu Fuß ins Dorf gehen, denn wir wollen den Menschen und der Natur hier Respekt entgegenbringen. - Na gut, dann bleiben Sie stehen.
Wie so oft geht der bewundernde Blick der Wanderer über die Terrassenlandschaft. Sie wissen nicht, das nur ein einziger, Giuliano, das Land überhaupt noch bestellt.
Vor allem im Frühsommer werden die Cinque Terre von Wochenendtouristen aus aller Welt besucht, für die Läden in den Orten ein lohnendes Geschäft. Auf den Strassen oberhalb der Hügel werfen viele ihren Müll zum Fenster hinaus. Nach jedem Wochenende nehmen Maria und ich eine Plastiktüte und lesen Zigarettenschachteln und Taschentücher auf.
Ein Abendessen im Hinterland. Wir gehen unter verholzten Weinreben hindurch und steigen über die Steine in einem kleinen Fluß. Die Reben gehören alten Bauern, die längst ihr Land aufgeben mußten. Das Haus der deutschen Gastgeber, ohne Strom und mit Wasser aus der Quelle, liegt versteckt hinter Olivenbäumen. Wasser ist ein höchst kostbares Gut. – Sie glauben nicht, wieviel Wasser an den Strand, für die Duschen der Touristen umgeleitet wird, das dann uns Bauern bei der Landbestellung fehlt. -
Die Strasse nach Vernazza ist gesperrt. Unterhalb von Campo ist ein Felsbrocken haarscharf an den Gasleitungen vorbei Richtung Küste gestürzt. Erdrutsche kamen auch in der Vergangenheit vor, aber seitdem viele Terrassen nicht mehr bestellt werden, haben sie deutlich zugenommen.
Im Ort finden sich im Frühsommer alle Touristen aus USA, Europa und den umliegenden italienischen Großstädten ein. Die Dorfjugendlichen balgen sich lauthals wie junge Hunde. Die vielen Besucher geben ihnen das Gefühl, Mittelpunkt der Welt zu sein. Niemand hat eine Perspektive jenseits des Tourismus. Fühlt man sich immer großartig, wenn man jeden Abend mit Geldzählen verbringt?
Zack, zack zum Meer, sagt einer der Reiseleiter, zack-zack zum Bahnhof. – Ich lausche erschrocken. - Wieso zack-zack, sagt ein älterer Herr in Wanderschuhen, das Meer ist doch schön.
„We are from Los Angeles! And you?“ Ruft eine begeisterte Amerikanerin ihren Landsleuten zu.
Trotz hoher Parkplatzgebühren und aller Warnungen, dass die Cinque Terre am besten mit dem Zug zu erreichen sind, reißt der Autostrom am Wochenende nicht ab. Erst am Abend, wenn eine leichte Kühle die Landschaft umhüllt und die Terrassen in wärmende Rot- und Kupfertöne getaucht sind, ziehen Maria und ich mit der Tüte für den Abfall los.
Dann kommt uns eine Idee: Wie wäre es, wenn die Besucher in den nachhaltigen Erhalt der Landschaft miteinbezogen würden? Wenn sie im Herbst bei der Weinlese oder Olivenernte mitmachen könnten? Könnte dann nicht ein anderes und persönliches Verhältnis zu diesem Landschaftskunstwerk entstehen?

Die Touristen gehen nach Hause - der Müll bleibt.
(Foto Copyright: McRommy für pixelio.de)

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